Portraitfoto des Orchestermusikers Tom Greenleaves sowie Bild- und Wertseite der 35-Euro-Silbermünze „150 Jahre Bayreuther Festspieler“
Mit zwölf Jahren fand Tom Greenleaves sein Instrument — und damit offenbar auch seine musikalische Heimat. Heute ist er seit zwei Jahrzehnten Solopauker im Gewandhausorchester Leipzig. Im Sommer 2026 kehrte er nach vielen Jahren zu den Bayreuther Festspielen zurück, erstmals als Musiker im Orchestergraben. Im Interview, das wir vor seinen Auftritten in Bayreuth führten, spricht er über seine Laufbahn, die besondere Energie des Festspielhauses und darüber, warum Wagner für manche Menschen mehr ist als nur Musik.

Was waren bisher die wichtigsten Stationen Ihrer Karriere?

Die wichtigste ist sicher das Gewandhausorchester Leipzig, bei dem ich seit rund 20 Jahren Solopauker bin. Die Zugehörigkeit zu einem solchen Orchester prägt enorm, auch weil man dort sehr gefordert wird. Und genau das ist für das Musikerleben unglaublich wichtig. Daneben habe ich viele Jahre regelmäßig als Gast an der Bayerischen Staatsoper gespielt, wo ich auch viel Wagner spielen durfte.

Sie waren von 2001 bis 2005 Bühnenmusiker und Orchesterwart bei den Bayreuther Festspielen. Was war dort Ihre Aufgabe?

In Bayreuth übernahmen Bühnenschlagzeuger häufig auch die Orchesterwartsaufgaben, weil das organisatorisch gut zusammenpasst. Wagner hat in seinen Opern recht viel Musik vorgesehen, die nicht aus dem Orchestergraben kommt, sondern von der Bühne, hinter der Bühne oder sogar von oben. Deshalb gibt es bei den Festspielen einige sogenannte Bühnenmusiker. Ich habe zum Beispiel bei den „Meistersingern“ auf der Festwiese gespielt, bei „Parsifal“ im Gralstempel und beim „Rheingold“ in den berühmten Schmiede-Zwischenspielen. Dort schlägt man tatsächlich Ambosse, um die arbeitenden Nibelungen darzustellen. Man ist also Teil des Bühnengeschehens, zuweilen sogar in Kostüm, auch wenn man nicht direkt im Rampenlicht steht.

Nach vielen Jahren kehren Sie 2026 erstmals als Musiker im Orchestergraben nach Bayreuth zurück. Was bedeutet Ihnen das persönlich?

Das ist fast unbeschreiblich. Ich war seit meiner späten Jugend ein absoluter Wagner-„Junkie“. Während meiner ersten Bayreuth-Zeit habe ich im Herzen wirklich für die Festspiele gelebt. Als ich 2006 meine Stelle im Gewandhausorchester bekam, endete das, und seitdem habe ich mir zwei Jahrzehnte lang nichts sehnlicher gewünscht - außerhalb des Privatlebens, versteht sich! - als irgendwann wieder Teil dieser Festspiele zu werden. Dass ich jetzt tatsächlich in den Orchestergraben zurückkehren darf, ist ein enormes Glück.

Wie fühlt es sich an, an diesem historischen Ort aufzutreten?

Man spürt die Geschichte dort sehr stark, aber noch mehr spürt man die Konzentration. Alles, wirklich alles ist darauf ausgerichtet, dass diese Musikdramen bestmöglich wirken können. Es ist kein Ort, an dem man einfach eine Oper besucht — man begibt sich in eine komplett eigene Welt. Für mich persönlich ist es auch emotional, weil ich dort sehr prägende Zeiten meines Lebens verbracht habe und diese Musik so stark mit meiner persönlichen Biografie verbunden ist.
Das Bayreuther Festspielhaus ist nachts festlich illuminiert © Enrico Nawrath Das Bayreuther Festspielhaus ist nachts festlich illuminiert © Enrico Nawrath

Was macht das Bayreuther Festspielhaus so besonders — die Architektur, die Atmosphäre, der Klang?

Das Entscheidende ist die Akustik und die gesamte räumliche Konzeption. Der Klang der Sänger ist wunderbar lebendig, weil es im Zuschauerraum kaum schallschluckende Materialien gibt — keine Teppiche, keine schweren Vorhänge. Gleichzeitig ist der Orchesterklang so austariert, dass er nicht in Konkurrenz mit dem Bühnengeschehen tritt. Das ist zentral, weil bei Wagner das Drama im Mittelpunkt steht. Es ist nicht Musik mit einer Handlung, sondern ein Gesamtkunstwerk, in dem alle Bestandteile essenziell ineinander greifen. Die Architektur ist bewusst schlicht gehalten, damit nichts vom Geschehen auf der Bühne ablenkt. Der Zuschauerraum ist sehr demokratisch angelegt — es geht nicht um das gesellschaftliche Sehen und Gesehenwerden. Sondern man sitzt dort, um zuzuhören, zuzuschauen und sich ganz auf das Werk zu konzentrieren. Und natürlich der versenkte Orchestergraben. Er sorgt dafür, dass das Orchester nie zu laut für die Sänger wird. Gleichzeitig können die Musiker mit sehr viel Energie und "Saft" spielen, und dadurch Klangfarben erzeugen, die in normalen Opernhäusern kaum möglich sind. Musiker können wirklich bis an ihre Grenzen gehen, ohne dass es auf der Bühne akustisch problematisch wird.

Viele beschreiben Bayreuth als einen eigenen Kosmos. Was unterscheidet die Arbeit dort von anderen Festivals oder Opernhäusern?

Der größte Unterschied ist die totale Fokussierung. Bei anderen Festivals gibt es ein breites Programm, viele unterschiedliche Komponisten, Formate und Events. In Bayreuth dagegen dreht sich alles um einen einzigen Komponisten und seine Werke. Es gibt nur ein Orchester, nur einen Chor - und die Musikdramen. Das ist einzigartig. Hinzu kommt die Dauer. Man verbringt dort zwei bis zweieinhalb Monate, und die ganze Stadt lebt in dieser Zeit so gut wie ausschließlich für die Festspiele. Wenn man mit einem Orchester sonst zu einem Festival fährt, ist man vielleicht ein paar Tage dort — hier lebt man über Wochen in dieser Welt.

Gilt das auch für das Publikum?

Ja, unbedingt. Wagner entschied sich bewusst, das Festspielhaus nicht in einer großen Metropole zu errichten, sondern eher im ländlichen Raum. Die Menschen reisen extra dorthin, um diese Aufführungen zu erleben. Es gibt keine Ablenkungen durch eine große Museumslandschaft, durch Opern- und Konzertangebote an jeder Ecke oder durch eine ausgeprägte Edelgastronomie. Man fährt also nicht nach Bayreuth, um nebenbei Kultur zu konsumieren — man fährt dorthin wegen Wagner. Das hat fast etwas von einer Wallfahrt. Man konzentriert sich auf das Werk, bereitet sich darauf vor, lebt dort in einem bestimmten Rhythmus und geht dann in die Aufführung. Diese totale Fokussierung auf das Kunstwerk gibt es so kaum irgendwo sonst, weder für Musiker noch für das Publikum.

Sie haben einmal gesagt, Wagner sei für manche Menschen wie eine Droge. Was meinen Sie damit?

Für viele Liebhaber hat diese Musik tatsächlich eine immense Sogwirkung. Sie lässt einen nicht los. Es gibt vielleicht noch mehr Menschen auf der Welt, die beispielsweise Johann Sebastian Bach verehren, aber für mich hat die Musik Wagners eine berauschende Wirkung wie keine andere. Wenn man sich darauf einlässt, wird man davon enorm stark erfasst.

Sind die Aufführungen eigentlich anstrengend?

Sie sind lang und intensiv, das stimmt. Aber wenn man die Werke liebt und ja auch gut kennt, ist es eher beflügelnd als erschöpfend. Man muss sich nicht mehr permanent mit den technischen Herausforderungen beschäftigen, sondern man lebt geradezu in dieser Musik. Ich bin danach zum Beispiel nicht ausgelaugt, sondern voller Energie. Es ist ein echter Endorphin Rausch.

Welche Werke oder Momente berühren Sie besonders?

Ganz besonders „Der Ring des Nibelungen“, nicht nur weil das Festspielhaus speziell dafür gebaut wurde. Ebenso „Parsifal“, den Wagner später gezielt für dieses Haus komponierte. Ein Moment, der mich immer zutiefst bewegt, ist Brünnhildes Schlussgesang am Ende der „Götterdämmerung“. Dort kulminiert alles, was zuvor passiert ist — musikalisch, dramatisch und emotional. Diese Verbindung von Inhalt und Musik, Menschlichkeit und Liebe, ist schlicht unbeschreiblich.

Welche Stellen sind für einen Pauker besonders herausfordernd oder eindrucksvoll?

In „Parsifal“ gibt es in den Gralstempel-Szenen Glockengeläute, die von den Pauken auch mitgespielt werden — das sind ungemein intensive Momente. Und dann gibt es in vielen Wagner-Opern Passagen, in denen fast alles verstummt und nur die Pauke übrigbleibt, extrem leise und bedeutungsvoll. Idealerweise spürt das Publikum gar nicht genau, woher dieser Klang kommt. Diese Wirkung aus dem Nichts macht Gänsehaut.

Der Bayreuther Orchestergraben wird oft als besonders fordernd beschrieben. Wie haben Sie ihn erlebt?

In den endlosen Stunden, die ich früher dort verbrachte, habe ich eine Musizierenergie wie sonst nirgends erlebt. Physis und Gehör werden heftig gefordert — nicht ohne Grund heißt der Graben unter Musikern der „Maschinenraum“. Aber genau diese Musik gibt einem so viel zurück, dass daraus eine enorme Dynamik entsteht. Niemand sitzt dort unfreiwillig — alle sind da, weil sie diese Musik lieben und nicht anders können, als dort sein.

Welche Wagner-Werke würden Sie jemandem empfehlen, der neu in diese Musik einsteigen möchte?

Opern wie „Der fliegende Holländer“, „Tannhäuser“ oder „Lohengrin“ sind schon besonders zugänglich. Aber musikalisch fesselt „Tristan und Isolde“ unglaublich stark. Wenn man sich darauf einlässt und sich die Zeit nimmt, kann einen das sehr tief hineinziehen.

Gibt es einen Dirigenten heute, dessen Wagner-Interpretationen Sie besonders schätzen?

Wenn Christian Thielemann dirigiert, kommt für mich in der heutigen Zeit niemand an ihn heran. Das ist natürlich nur meine persönliche Meinung, aber ich halte ihn für ein großes Geschenk.


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